Seitenanfang

 

Erfolgreiche Fachtagung „Lippe – Flusslandschaft des Jahres 2018/19"

PRESSEMITTEILUNG, Münster, 26. März 2019, Landesfischereiverband Westfalen und Lippe e. V.

Ein voller Erfolg war die Fachtagung „Lippe – Flusslandschaft des Jahres 2018/2019", zu der der Landesfischereiverband Westfalen und Lippe e.V. am 22. März in Haus Vogelsang in Datteln eingeladen hatte. Die mehr als 70 Teilnehmer, darunter Vertreter des NRW-Umweltministeriums, verschiedener Verbände und Naturschutzorganisationen sowie Wissenschaftler von Fachorganisationen und Mitglieder von Angelvereinen, tauschten sich intensiv über den Fortschritt der Renaturierung sowie die Chancen und Herausforderungen aus, die Nordrhein-Westfalens längster Fluss bietet.
Horst Kröber, Vorsitzender des Landesfischereiverbandes Westfalen und Lippe e.V., machte schon in seiner Begrüßung deutlich, welche Impulse er sich von der Fachtagung erhofft: „Mir reicht es nicht zu sagen ‚Wir haben schon viel geschafft'." Die Patenschaft für die Lippe als Flusslandschaft des Jahres 2018/2019 sei vielmehr eine große Verpflichtung für alle Anwesenden: „Die Durchgängigkeit der Lippe ist für viele Fischarten noch nicht wiederhergestellt. Die Einleitung von Grubenwasser aus dem Bergbau in diesen Fluss ist ein Problem, das noch unsere Kinder und deren Kinder betreffen wird. Es gibt also noch viel zu tun. Packen wir's an!"

Die Renaturierung der Lippe, eine Erfolgsgeschichte
In welchen Abschnitten der Lippe bereits kräftig angepackt wurde, stellten Ulrich Detering von der Bezirksregierung Arnsberg, der auch die erkrankte Anna Morsbach von der Bezirksregierung Detmold vertrat, und Volker Karthaus vom Wasserverband Obere Lippe vor. Besonders hoben sie den bereits 1996/97 erfolgten Umbau an der Klostermersch in Eickelborn hervor, der einen Stimmungswandel bei Politikern und Anwohnern bewirkte: „Bis dahin gab es alles nur auf dem Papier. Hier war zum ersten Mal erlebbar, wie der renaturierte Fluss aussehen kann", berichtete Detering. „Und weil zugleich auch der Hochwasserschutz verbessert wurde, hat sich die Akzeptanz für das Projekt deutlich erhöht." Mit der 2005 fertig gestellten Umflut bei Paderborn habe dann nicht nur der vom Lippesee verursachte Umweltschaden repariert werden können. Auch die Umflut selbst konnte sich zu einem hochwertigen Lebensraum entwickeln, etwa für Kieslaicher wie die Äschen. „Ein Glücksfall!", so Detering. Das gemeinsame Ziel: Nach Abschluss aller Maßnahmen soll die für die industrielle Nutzung einst auf unter 220 Kilometer verkürzte Lippe wieder durch ein rund 250 km langes Bett mäandern können.

Gemeinsames Engagement: Landwirtschaft wird einbezogen
Rudolf Hurck vom Lippeverband gab einen Einblick in die Umsetzung des Programms Lebendige Lippe zwischen Wesel und Lippborg durch den Lippeverband. Mehr als 430 Maßnahmen sind vom Lippeverband umzusetzen. Um sie realisieren zu können, sei vor allem die Bereitstellung flussnaher Flächen in der überwiegend landwirtschaftlich genutzten Lippeaue erforderlich. Dazu biete eine im August 2018 zwischen Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz NRW, Lippeverband und Landwirtschaftsverbänden und Landwirtschaftskammer NRW geschlossene Vereinbarung eine sehr gute Grundlage. Sie stellt erstmals einen geordneten Prozess zur Beteiligung und Einbindung der Landwirtschaft sicher, mit dem jetzt hohe Erwartungen verknüpft seien, so Hurck. Neben den bereits abgeschlossenen Maßnahmen wie z. B. im Bereich des Tagungsortes plane der Lippeverband derzeit die Umgestaltung von rd. 53 km der Lippe. Die Frage, ob die bisherigen Maßnahmen erfolgreich gewesen seien, könne er guten Gewissens mit „ja" beantworten, erklärte Hurck mit Blick auf die maßnahmenbezogenen Erfolgskontrollen: „In dem 2014 auf rund zwei Kilometern neu angelegten Mündungsbereich der Lippe konnten bereits zwei Jahre nach Abschluss der Baumaßnahmen 27 verschiedene Fischarten nachgewiesen werden. Außerdem galt die Quappe westlich von Werne bis vor wenigen Jahren als verschollen. Unterstützt durch Besatzmaßnahmen hat die Quappe, neben zahlreichen weiteren Tier- und Pflanzenarten, diese Abschnitte wieder besiedelt."

Artenvielfalt in der Lippe: Vier von fünfzig werden noch vermisst
Einen interessanten Abriss der historischen Entwicklung der Lippe und ihres Fischbestands präsentierte Dr. Margret Bunzel-Drüke von der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest e.V. (ABU). So seien die meisten der heute bekannten Fischarten schon in der Frühgeschichte in der Lippe heimisch gewesen, ehe ihr der Mensch erst mit Ackerbau und Wassermühlen, dann mit Schiffbarmachung, Steinkohlebergbau und technischem Ausbau immer weiter zugesetzt und die Verschmutzung des Wassers vorangetrieben habe.
„Heute sind fast alle der einst 50 heimischen Fischarten wieder in der Lippe vertreten, doch Stör, Lachs, Schlammpeitzger und Schneider fehlen komplett", erklärt Bunzel-Drüke. Mit weiteren Renaturierungen, dem Umbau der letzten nicht durchgängigen Wehre und einem Stopp der Grubenwassereinleitungen könne die Bilanz aber weiter verbessert werden: „Der Lachs versucht an der Lippe immer wieder ein Comeback. Wir sind hier also auf dem richtigen Weg, die gemeinsamen Anstrengungen lohnen sich!"

Zeit für Experimente: Warum der Lachs gut in die Lippe passt
Konkrete Vorschläge für Anstrengungen in Sachen Lachs machte Armin Nemitz, Verbandsbiologe beim Rheinischen Fischereiverband von 1880 e.V. Er empfahl die Prüfung eines Wiederansiedlungsversuchs mit Lachsen. Bislang gelte im Wanderfischprogramm NRW im Teil Lachs nur der Beobachtungsstatus für die Lippe. Zwar seien die Bedingungen in der Lippe als sandgeprägter Tieflandfluss und belastetes Gewässersystem nicht optimal, aber durchaus vergleichbar mit anderen Zielgewässern für die Lachsansiedlung in NRW, etwa in Sieg, Wupper und Eifel-Rur: „Ein fachlich begleitetes und mit den Landesstellen abgestimmtes Besatzexperiment könnte weitere Fragen zur Habitateignung klären", warb Nemitz. Zumal im Gegensatz zu früher nun auch ausreichende Besatzkapazitäten zur Verfügung stehen. Angepackt werden müsste dann freilich auch hier: Örtliche Partner aus der Fischerei und dem Naturschutz könnten gemeinsam dazu beitragen, dass der Atlantische Lachs (Salmo salar) als Fisch des Jahres 2019 und die Lippe als Flusslandschaft des Jahres 2018/2019 bald wieder dauerhaft zueinander finden.

Filmreif: Lippe-Impressionen zum Downloaden und Teilen
Außergewöhnliche Einblicke in die Wasserwelt der Lippe boten Filmemacher Ulrich Haufe (AugenBlick Naturfilm) und Dr. Günter Bockwinkel (NZO GmbH) mit Ausschnitten aus ihrer neuen Video-Reihe „Alles im Fluss". Zwölf im Auftrag der Bezirksregierungen Arnsberg und Detmold erstellte Videoclips, die ausdrücklich zum Nutzen, Downloaden und Weiterreichen freigegeben sind, widmen sich unterschiedlichsten Aspekten der Lippe-Renaturierung. Mit einer gelungenen Kombination aus Drohnenbildern, Unterwasseraufnahmen und auch historischen Sequenzen bietet „Alles im Fluss" einen breit gefächertes Themenspektrum vom Überblick der einzelnen Renaturierungsprojekte über die eigendynamische Kraft des Wassers bis hin zu Planungsvorgehen und Artenporträts. So werden die Zuschauer etwa Zeuge, wie Bachneunaugen auf dem Grund der Lippe mit vereinten Kräften Steinchen umschichten, um geeignete Mulden zum Ablegen des Laiches zu formen. In einem anderen Beitrag dagegen kann man den Planern beim Entwurf eines neuen Flussverlaufs auf der Grundlage von historischen Karten über die Schulter schauen.
Die Filme können im Internet unter www.bezreg-arnsberg.nrw.de betrachtet und heruntergeladen werden.

Für den Lachs und gegen Wehre
In der abschließenden Podiumsdiskussion mit den Referenten griffen sowohl Moderator Dr. Olaf Niepagenkemper vom Fischereiverband NRW e.V. wie auch etliche Teilnehmer einzelne Punkte aus dem Tagesprogramm noch einmal vertiefend auf. So wurden unter anderem die nächsten Schritte zur Wiederansiedlung des Lachses in der Lippe erörtert – eine Vision, an der viele Besucher Gefallen fanden. Reichlich Beifall gab es etwa für die Forderung von Dr. Bunzel-Drüke, die vorhandenen Wehre in der Lippe, die den wandernden Fischarten den Aufstieg erschweren bis unmöglich machen, schnell umzubauen und auch keine weiteren Wasserkraftanlagen mehr zu genehmigen. Der ökologische Schaden für Fluss und Allgemeinheit stünden hier in keinem vernünftigen Verhältnis zu ökonomischen Interessen Einzelner.