Dr. Olaf Niegagenkemper zum Thema Wasserkraftanlagen in NRW. Von Elmar Ries, Münster. (WN vom 06.12.2010)
Dr. Olaf Niepagenkemper vor einem Ems-Wehr in Telgte. Hier gibt es zwar einen Fischpass. Gleichwohl: Der natürliche Weg ist den Tieren versperrt.
Foto: (Wilfried Gerharz)
Münster - Energie erzeugen mit Hilfe von Licht und Luft, richtig sei das und selbstredend auch wichtig. Beim Thema Wasserkraft aber, da hört der Spaß für Dr. Olaf Niepagenkemper auf. Wehre, Turbinen, all das ist ihm mehr als ein Dorn im Auge, für ihn ist beides schlichtweg im Weg. Freie Bahn für freie Fische, so freilich formuliert es Niepagenkemper nicht.
Genau darum aber geht es ihm letztlich. Der 46 Jahre alte Biologe arbeitet für den Landesfischereiverband Westfalen und Lippe mit Sitz in Münster. Vor ein paar Tagen hat der sich mit der Bitte an die Landesregierung gewandt, keine neuen Wasserkraftanlagen zuzulassen.
Der Grund ist ein zweigeteilter. In NRW wird derzeit knapp 0,4 Prozent des Stroms mit Hilfe der Wasserkraft gewonnen. Viel mehr ist gar nicht möglich, das Potenzial ist bereits zu 90 Prozent ausgeschöpft. Trotzdem: Der Verband sorgt sich, dass gerade ein grünes Umweltministerium die Wasserkraft als Thema für sich entdecken könnte. „Wir fürchten dass der Einsatz von kleineren Anlagen künftig auch in den kleinen Fließgewässern geplant ist“, erklärt Niepagenkemper. Die Konsequenzen für die Flussfauna wären fatal.
Das Problem ist: Kaum jemand nähme das wahr, weil sich die Folgen unter Wasser abspielen. Flussfische wandern, derzeit machen sich Aale und Lachse auf den Weg in ihre Winterquartiere. Tiefere, ruhigere Flussbereiche sind das. Und auf ihrer Reise dorthin sind die Wasserkraftwerke mit ihren die Flüsse stauenden Wehren mehr als nur im Weg. „Die Fische schwimmen natürlich in der Hauptströmung“, erklärt Niepagenkemper. Eben dort aber sind - aus ökonomischen Gründen nachvollziehbar - auch die Turbinen installiert. Wohlmeinend gebaute Fischpässe hin, Rechen zum Schutz der Tiere vor den Krafterzeugern her: Zig Tausende Fische verenden hier pro Jahr.
Dass das Problem auch im Münsterland virulent ist, zeigt ein Blick auf die Karte. Wasserkraftwerke gibt es an der Aa bei Bocholt, an der Ems, der Werse, der Dinkel. Etliche Dutzend und damit eindeutig zu viele stünden schon jetzt in der Region, sagt Niepagenkemper. Allein in der Ems, so schätzt der 46-Jährige vorsichtig, verendeten weit mehr als 20 Prozent der wandernden Aale. „Dabei steht gerade dieser Fisch auf der Liste der bedrohten Arten.“
Da hilft es der Bestandspflege kaum, dass die im Verband organisierten Angler in den vergangenen Jahren allein in der Ems über 40 000 Jung-Aale ausgesetzt haben.
Manchmal, sagt Niepagenkemper, fühle er sich wie Don Quijote, nur mit dem Unterschied, dass er nicht gegen Windmühlen anrenne, sondern gegen die Wasserkraftwerke. Das Bild aber ist aus einem anderen Grund noch schief. Im Gegensatz zu Cervantes Held kann Niepagenkemper nämlich Hoffnung schöpfen. So hat die EU vor einigen Jahren den Zustand der Fischfauna zur Grundlage ihrer Wasserrahmenrichtlinien gemacht. Mit Blick darauf hat Niedersachsen erklärt, seinen Teil der Ems von Wasserkraftwerken freizuhalten.
Und das Land NRW? Möchte schon den Ausbau regenerativer Energie forcieren. „Nur spielt die Wasserkraft in unserem Land eine untergeordnete Rolle, weil es sich nicht lohnt“, sagt der Sprecher des Umweltministeriums, Frank Seidlitz. Falls eine solche Anlage den in den Wasserrichtlinien der EU vorgeschriebenen ökologischen Zustand eines Flusses jedoch nicht beeinträchtige, das sagt Seidlitz allerdings auch, „ist dagegen auch nichts zu sagen“. Bei einem solchen Satz läuten bei Dr. Olaf Niepagenkemper alle Alarmglocken.
