Position des Landesfischereiverbandes Westfalen und Lippe e.V. und des Verbandes der nordrhein-westfälischen Fischzüchter und Teichwirte e.V. zur Wahl des Kormorans zum Vogel des Jahres 2010.
Der NABU Deutschland hat den Kormoran zum Vogel des Jahres 2010 gewählt. Aus Sicht des Landesfischereiverbandes Westfalen und Lippe und des Verbandes der nordrhein-westfälischen Fischzüchter und Teichwirte e.V. handelt es sich hierbei nicht um eine biologisch sinnvolle, sondern um eine politisch motivierte Nominierung. In den vergangenen Jahren wurden solche Arten zum Vogel des Jahres ausgewählt, die in ihrem Bestand bedroht oder deren Lebensräume gefährdet waren. Beim Kormoran trifft dieses nicht zu, und auch die Europäische Vogelschutzrichtlinie kommt zu dem Ergebnis, dass er nicht mehr als eine gefährdete Vogelart einzustufen ist. Der Kormoran hat sich seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts vehement im gesamten Binnenland Europas mit mehr als 2 Mio. Exemplaren ausgebreitet. Sein Bestand ist damit so hoch wie nie zuvor.
Der Kormoran ist ein Nahrungsspezialist und ernährt sich im Binnenland ausschließlich von Fisch, von dem er pro Tag bis zu 500 g verzehrt. Dieser Aspekt hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass zahlreiche Fischzuchtbetriebe durch Kormoranfraß an den Rand des Ruins getrieben wurden und in vielen Fließ- und Stillgewässern die Fischbestände drastisch zurückgegangen sind.
So wurden z. B. die Bestände der Äsche in den Mittelgebirgsgewässern stark beeinträchtigt, so dass diese Fischart in NRW mittlerweile in der Roten Liste für Pflanzen und Tiere als gefährdet aufgeführt ist. Die Technische Universität in München hat den Schaden, den die Kormorane an den Äschenbeständen anrichten, mit 96 % wissenschaftlich ermittelt. Beobachtungen in NRW unterstützen dieses Ergebnis. In begradigten Gewässern und an Wehren können z. B. ganze Laichbestände an Äschen vernichtet werden. So wurde an der Diemel im Sauerland mehrfach beobachtet, wie unterhalb eines Wehres eine große Anzahl von laichbereiten Äschen über mehrere Tage von einem ca. 40 Vögel zählenden Kormorantrupp komplett erbeutet wurde.
Weiterhin darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass 90 % aller typischen Fischarten der Fließgewässer auf der Roten Liste stehen und einige Arten sogar vom Aussterben bedroht sind. Dass der Fraßdruck des Kormorans dafür eine Ursache ist, wurde in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen belegt. Das Argument in der Begründung des NABU zur Wahl des Kormorans zum Vogel des Jahres 2010, dass „Kormorane keine natürlichen Fischbestände vernichten und gefährden“ zeugt von fehlender Kenntnis bei der Naturschutzorganisation über die fischökologischen Zusammenhänge.
Die Fischereiverbände in NRW unternehmen im Rahmen des Wanderfischprogramms große Anstrengungen, den Bestand von ausgestorbenen und gefährdeten Fischarten aufzubauen und zu erhalten. Hierzu zählen der Lachs, der Aal und der Maifisch. Mit viel ehrenamtlichem Engagement und hohem finanziellen Aufwand – auch gefördert durch das Land NRW – wurden in den letzten Jahren große Erfolge erzielt. Insbesondere der Aal benötigt jedoch in den nächsten Jahren eine gesteigerte Aufmerksamkeit, da sich diese einstmals häufige Art außerhalb sicherer biologischer Grenzen befindet. Das bedeutet, wenn die zahlreichen negativen Einflüsse auf diese Art – zu denen zählt auch der Verlust durch Kormoranfraß – nicht vermindert werden, stirbt der Aal aus. Dieses hat die ICES, der internationale Rat für Meeresforschung, durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt.
In den Ausführungen des NABU wird die Behauptung aufgestellt, dass die Fischbestände an Zuchtteichen durch „das Überspannen mit weitmaschigen und gut sichtbaren Drahtnetzen sowie durch optische und akustische Vertreibung wirksam geschützt werden“. Ein Überspannen von Teichen ist vielfach wegen der Dimensionen der Teiche nicht möglich. Zusätzlich ist es für die findigen Kormorane kein Problem, durch die Überspannungen zu gelangen, notfalls auch zu Fuß vom Ufer aus. Auch akustische und optische Maßnahmen sind wirkungslos. Dieses ist mehrfach eindeutig belegt. So saßen Kormorane schon wenige Minuten nach dem Aufstellen von Vogelscheuchen auf denselben und nutzen sie als Ansitzwarte. Eigentlich eine lustige Begebenheit, wenn es hier nicht um den ernsthaften Schutz der Fischbestände gehen würde.
Die Wahl des Kormorans zum Vogel des Jahres 2010 ist somit für all diejenigen eine Provokation, die sich vorwiegend in ehrenamtlicher Arbeit für den Schutz und den Erhalt der heimischen Fischbestände einsetzen, besonders aber für die vielen, häufig als Familienunternehmen geführten Fischzuchtbetriebe, die durch den Kormoran in ihrer Existenz bedroht sind.
Der Landesfischereiverband Westfalen und Lippe e.V. wird sich zusammen mit dem Verband der nordrhein-westfälischen Fischzüchter und Teichwirte e.V. auch weiterhin für ein sinnvolles Kormoranmanagement einsetzen. Die spezialisierten Fischjäger sollen selbstverständlich ihren Platz im Gewässerökosystem behalten. Dies gilt allerdings auch für die Fischbestände. Daher setzen wir uns für eine angemessene Bestandsregulierung der Kormorane ein.
